Es fährt schon wieder kein Zug nach irgendwo… - Politik darf sich nicht mehr wegducken

Die vierte überregional bedeutsame Großstörung im deutschen Eisenbahnnetz binnen zwölf Monaten darf nicht folgenlos bleiben. Auf geschätzt einem Viertel der Landesfläche war und ist der Zugverkehr komplett eingestellt. Das betrifft nicht nur Abertausende von Zugreisenden. Auch geschätzt über 1000 Güterzugfahrten fallen in diesen Tagen schlicht aus, so dass Häfen und Industriestandorte nicht ver- und entsorgt werden können. Der nach und nach wieder anlaufende Betrieb wird noch tagelang Chaos für alle Nutzer der Schiene nach sich ziehen. Die Bahn­unternehmen bleiben auf ihren Schäden sitzen. Die funktionsuntüchtige Infrastruktur produziert gewaltige volks­wirtschaftliche Kollateralschäden vor allem bei den Verladern.

Ludolf Kerkeling, Vorstandsvorsitzender des Netzwerks Europäischer Eisenbahnen (NEE) e.V. warnte vor einer Poli­tik des Wegschauens: „Zuerst müssen wir all jenen danken, die sich in diesen Stunden und Tagen aufräumen und Schäden beheben!“ Zugleich sei aber bereits jetzt klar, dass die Strukturen des Netzbetreibers DB bei der Wie­der­herstellung der Befahrbarkeit und der Kommunikation zu seinen Kunden, den Eisenbahnverkehrs­unter­neh­men, er­neut überfordert seien. Kerkeling: „Dass im Quartalsrhythmus das Land lahmgelegt wird, ist weder akzep­tabel noch unabänderlich! Die Gewöhnung an den Ausnahmezustand ist keine Option! Wenn DB Netz selbst nicht in der Lage ist, ein funktionierendes Krisenmanagement zu organisieren, müssen Politik und die Eisenbahnbehörden Prozesse, Ressourcen und die Technik untersuchen. Es muss geklärt werden, ob es genug Personal gibt, ob die re­gelmäßige Vegetationskontrolle ausreichend vorgesorgt hat, wie die Kommunikation bei DB Netz intern und zu den Kunden organisiert ist.“

  • Am 8. November 2016 hatte „überraschend“ Nassschnee zahllose Bäume in Norddeutschland umgestürzt und das Netz lahmgelegt. DB Netz erklärte, man sei auf den unerwartet frühen Wintereinbruch noch nicht vorbereitet gewesen.
  • Am 22. Juni 2017 war erneut der Norden Schauplatz eines massiven Sturms, der den Schienenverkehr komplett zum Erliegen brachte. Bei der Wiederinbetriebnahme der Verkehre führte am 24. Juni ein Stellwerksausfall in Göttingen beim Nord-Süd-Güterverkehr sowie viele Fern- und Nahverkehren zum nächsten Betriebsdesaster.
  • Am 12. August 2017 wurde durch eine eingestürzte Tunnelbaustelle bei Rastatt für fast zwei Monate der Schienenverkehr auf der Rheintalbahn eingestellt.
  • Seit dem 5. Oktober hält das Sturmtief Xavier ganz Nord- und Ostdeutschland im Ausnahmezustand.

Die Verfügbarkeit der Schieneninfrastruktur, so Kerkeling, nehme mittlerweile mit beängstigender Geschwindigkeit nicht nur im Alltag, sondern vor allem in gefühlten Ausnahmesituationen ab. Der Betrieb der Eisenbahn werde immer häufiger komplett vom überforderten Betreiber DB Netz eingestellt, während gleichzeitig Expertenzirkel folgenlos räsonierten, wie die „Resilienz“ (Widerstandsfähigkeit) kritischer Infrastrukturen angesichts des vor­an schreitenden Klimawandels gestärkt werden könne. Kerkeling warnte zugleich vor reinem Aktionismus und der Bagatellisierung hinsichtlich der langfristigen Perspektiven: „Die Prognosen, dass es mehr und heftigere Stürme durch die menschengemachte Klimaerwärmung gibt, sind seit langem bekannt. Wir müssen neben dem Krisenma­nagement auch die Schiene als klimafreundliches Verkehrsmittel insgesamt massiv stärken, damit es langfristig nicht immer noch schlimmer wird.“


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