Brauchen wir überhaupt einen neuen „Bahnchef“?

Der Vorstandsvorsitzende des Netzwerks Europäischer Eisenbahnen (NEE) e.V., Ludolf Kerkeling, hat das gemeinsame Schreiben mehrerer Bahn-Experten aus Unternehmen, Gewerkschaft, Verbänden, Politik und Wissenschaft mit unterzeichnet, das dem Eigentümer und dem Aufsichtsrat der Deutschen Bahn empfiehlt, „zwei Bahn-Manager mit klarem Auftrag, einmal für die Infrastruktur und zum anderen für die Verkehrsleistungen“ zu berufen statt in Hektik die Position von Dr. Grube neu zu besetzen. Das Schreiben wurde auch den Mitgliedern des Personalausschusses des DB-Aufsichtsrates zugeleitet:

Brauchen wir überhaupt einen neuen „Bahnchef“?

Nach dem aus externer Sichtweise überraschenden Rücktritt von Dr. Rüdiger Grube als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn AG sollte nicht eine hektische Suche nach einem Nachfolger in dessen früherer Funktion einsetzen, sondern erst einmal Nachdenken angesagt sein. In der DB AG sind zwei grundverschiedene Unternehmen vereinigt: Einerseits die Infrastrukturunternehmen für die Gleise und die übrige Infrastruktur, welche ihre Leistungen gegenüber den Verkehrsunternehmen erbringen und ein natürliches Monopol der Infrastruktur im Staatsauftrag betreiben, und andererseits die Verkehrsunternehmen, die ihre Leistungen den Kunden und Bestellern im Wettbewerb mit konkurrierenden Eisenbahnverkehrsunternehmen anbieten.

Bislang bildeten die beiden Vorstände für Infrastruktur und Verkehrsbereiche zusammen mit den Vorständen für Personal und Finanzen den Konzernvorstand, dem ein „Bahnchef“ als Vorstandsvorsitzender vorstand. Die Unterzeichner dieses Schreibens wünschen sich aus dem Blickwinkel von Kunden der DB eine Organisation, die sich an den heterogenen Aufgaben der DB AG orientiert:

Die derzeitige Situation, dass der Finanzvorstand den Vorsitz im Konzernvorstand innehat, kann durchaus ein sinnvoller Übergangszustand sein, bis eine Konzernstruktur gefunden ist, die auf Dauer tragfähig und sinnvoll ist. Sowohl der Infrastrukturbereich als auch die Verkehrsunternehmen der DB liegen in den Händen von verantwortlichen Vorstandsmitgliedern; diese Funktionen sollten gestärkt und besser auf die jeweiligen Bedürfnisse ihrer jeweiligen Kundengruppen ausgerichtet werden. Beide Bereiche sollen ihre in der Grundkonzeption bereits sehr unterschiedlichen Aufgaben erfüllen und ihren jeweiligen Kunden verpflichtet sein. Der Infrastruktur sind dabei alle Bereiche zuzuordnen, die Leistungen für alle Verkehrsunternehmen und nicht nur für DB-Verkehrsunternehmen erbringen. Dazu gehört auch das Projekt „Zukunft Bahn“, mit dem die Weiterentwicklung und Verbesserung des Systems der Eisenbahn in Deutschland erreicht werden soll. Eine solche Struktur würde es auch dem Eigentümer, also dem Bund, erleichtern, seine verkehrspolitischen Ziele durchzusetzen und die DB besser zu kontrollieren.

Ein neuer Bahnchef in der alten Struktur würde es erneut schwer haben, im deutschen und europäischen Regulierungsrahmen des Eisenbahnverkehrs allen grundverschiedenen Anforderungen nachzukommen und die überzogenen Erwartungen zu erfüllen. Also sollte diese Position zunächst nicht nachbesetzt werden, vielmehr sollten zwei Bahn-Manager mit klarem Auftrag, einmal für die Infrastruktur und zum anderen für die Verkehrsleistungen, gestärkt und unbelastet von vermeintlichen Gesamtkonzerninteressen an die Arbeit gehen.

Reinhold Dellmann
Verkehrsminister Land Brandenburg a.D.

Ludolf Kerkeling
Netzwerk Europäischer Eisenbahnen

Hans Leister
Zukunftswerkstatt Schienenverkehr

Wolfgang Meyer
Geschäftsführer Linearis Gmbh

Prof. Dr. Kay Mitusch
Institut für Wirtschaftspolitik, KIT Karlsruhe

Detlef Neuß
Vorsitzender Pro Bahn Bundesvorstand

Christian Schreyer
Geschäftsführer Transdev GmbH

Claus Weselsky
Bundesvorsitzender GDL Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer


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